Challenges for Journalism in Exile

A Conversation With JX Fund Managing Director Penelope Winterhager

  • August 19, 2025
  • Tamina Kutscher
  • Ost-West Europäische Perspektiven
  • Press

Seit Beginn des russischen Großangriffs gegen die Ukraine im Februar 2022 sind unabhängige Medien in Russland so stark unter Druck geraten, dass die meisten Redaktionen das Land verlassen haben. Eine Entwicklung, die belarusische Medien bereits nach der Niederschlagung der dortigen Proteste gegen Diktator Alexander Lukaschenko 2020/21 durchlebten. Der 2022 gegründete JX Fund mit Sitz in Berlin unterstützt Medien im Exil. Mit der Gründungsgeschäftsführerin Penelope Winterhager sprach in Berlin die Journalistin Tamina Kutscher.

Der JX Fund, initiiert von Reporter ohne Grenzen, der Rudolf Augstein Stiftung und Schöpflin-Stiftung, unterstützt Exilmedien, vor allem aus Russland und Belarus. Warum braucht es eine solche Organisation?

Seit dem 24. Februar 2022 haben vermehrt nicht nur einzelne Journalistinnen und Journalisten Russland verlassen. Nachdem mehrere Zensurgesetze in Kraft getreten waren, gingen vielmehr ganze Redaktionsteams ins Exil – das gleiche hatten wir zuvor in Belarus, Afghanistan oder Syrien erlebt. Die bestehenden Förderprogramme waren jedoch meist auf Einzelpersonen ausgelegt. Es fehlte an einer Unterstützung, die es möglich macht, Redaktionsstrukturen im Exil aufzubauen und weiterzuarbeiten. Damit hat der JX Fund angefangen. Denn kaum ein Journalist ist auf das Exil vorbereitet. Auch wenn viele lange darüber nachdenken – die Entscheidung, tatsächlich zu gehen, wird meist innerhalb von 48 Stunden getroffen. Niemand reist aus mit einem Businessplan in der Hand. Dabei stellen sich nach der Ausreise viele Fragen: Wo bekommt man eine Aufenthaltsgenehmigung, wo kann man bleiben? Wie baut man ein neues Redaktionsteam auf? Wie erreicht man das Publikum im Herkunftsland? Gerade das erste halbe Jahr ist da oft entscheidend: Man muss sehr schnell eine neue Struktur aufbauen, sonst gehen diese Stimmen verloren.  Diesen Aufbau unterstützt der JX Fund. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe zu erklären, wie wichtig Exilmedien sind, um Zivilgesellschaften und deren kritischen Diskurs am Leben zu halten und die Geschehnisse im Herkunftsland zu dokumentieren.

Von wie vielen Exilmedien aus Belarus und Russland sprechen wir?

Es gibt mehr als 60 russische und über 40 belarussische Exilmedien. Sie sind alle sehr verschieden, mit unterschiedlich großen Reichweiten. Manche davon gibt es schon viele Jahre, andere haben sich erst im Exil gegründet. Es war eine unserer ersten Aufgaben, diese vielfältige Medienlandschaft zu vermessen. Diese Vielfalt an Stimmen und Kanälen zu erhalten und nicht nur die großen Namen wie „Meduza“, „Echo Moskwy“ oder „Doschd“, das ist uns ein großes Anliegen. Der JX Fund arbeitet mit offenen Ausschreibungen und unabhängigen Expertenjurys. Sie kennen Russland, Belarus und die Ukraine und wissen, welche Informationen vor Ort benötigt werden. Sie prüfen, ob die Organisations- und Geschäftsmodelle, die diese Medien sich überlegt haben, überhaupt tragfähig sind.

Wie gelingt es Exilmedien, die Menschen im Herkunftsland zu erreichen – auch angesichts von Zensurmaßnahmen der russischen und belarussischen Behörden?

Trotz massiver Internetzensur eröffnet die Digitalisierung neue Chancen: Es ist heute technisch deutlich einfacher geworden, aus dem Ausland heraus ein Medium aufzubauen und große Zielgruppen im Heimatland zu erreichen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Medienlandschaft und Publikum bereits digital aufgestellt sind, wie es in Russland und in Belarus der Fall ist. In weniger digitalisierten Gesellschaften, etwa im Sudan, ist das weitaus schwieriger. Aber autoritäre Regime lernen voneinander. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel aus Russland: Das Videoportal YouTube wird dort von staatlichen Behörden zunehmend behindert und künstlich verlangsamt. Die Tech-Experten der Exilmedien reagieren darauf und entwickeln Gegenmaßnahmen, beispielsweise neue Tools, mit denen sich die Videos wieder schneller abspielen lassen. Das entwickelt sich oft zu einer Art Katz-und-Maus-Spiel.

Welche Reichweiten erreichen Exilmedien in den Herkunftsländern?

Bei russischsprachigen Exilmedien gehen wir derzeit davon aus, dass zwischen sechs und neun Prozent der Bevölkerung deren Inhalte nutzen. Das ist enorm, wenn man bedenkt, wie winzig deren Budget ist im Vergleich zu dem, was autoritäre Regime in staatliche Propaganda, Desinformation und Zensur investieren. Wir sprechen da von einem Faktor 50. Das zeigt, wie wichtig und wirksam diese unabhängigen Stimmen sein können.

Man könnte auch einwenden, dass sechs Prozent nicht besonders viel ist?

Das finde ich nicht. Bei russischsprachigen Exilmedien reden wir von mehreren Millionen Menschen, die da erreicht werden. Das ist jeder zehnte russischsprachige Erwachsene. Mehr geht fast nicht unter den aktuellen Bedingungen.

Wie misst man die Wirkung von Exilmedien?

Die Reichweite ist ein Kriterium, aber nicht das einzige. Es geht auch darum, inwieweit bestimmte Themen überhaupt journalistisch abgedeckt werden – investigative Recherchen, etwa zum Angriffskrieg gegen die Ukraine, Minderheitenrechte oder Umweltthemen. In autoritären Systemen ist oft schon das Veröffentlichen eines Mode- oder Musikblogs ein Akt des Widerstands. Was unter „unabhängigem Journalismus“ zu verstehen ist, kann je nach Land und Kontext unterschiedlich aussehen.

Wie gelingt es den Exilmedien, die Realität im Land zu spiegeln? Woher wissen sie, welche Themen die Menschen vor Ort beschäftigen?

Fast alle Redaktionen arbeiten hybrid. Sie haben eine sichere Basis im Ausland und weiter Kolleginnen und Kollegen im Land, oft im Untergrund. Aus Sicherheitsgründen kennen sich viele persönlich nicht. Es gibt kreative Wege, um den Kontakt zur Lebensrealität zu Hause zu halten. Leider kann ich nicht über all diese Möglichkeiten öffentlich sprechen. Eine Redaktion organisiert beispielsweise zwei- bis dreimal die Woche eine virtuelle Sitzung, bei der sie sich über Alltagsbeobachtungen austauscht.

Finanzierung, Technik, Sicherheit – das alles sind Herausforderungen, die die meisten Exilmedien betreffen. Gibt es einen Austausch zwischen russischen und belarussischen Exilmedien?

Es gibt ihn, aber er steckt noch in den Anfängen. Dabei ist Vertrauen ein zentraler Faktor. Es stellt sich die Frage: Möchte man Technologien überhaupt teilen, oder ist es nicht vielleicht sogar riskant, das zu tun? Das Entstehen einer solchen Zusammenarbeit braucht Zeit, sichere Räume und gezielte Förderung. Der JX Fund sieht das als zentrale Aufgabe. Wir sehen einige Unterschiede in der Selbstorganisation. In Belarus haben sich Exilmedien früh in Verbänden zusammengeschlossen, was ihre Arbeit erheblich stärkt. In der russischen Exillandschaft fehlt das
bisher weitgehend.

Einige der Exilmedien – wie „Meduza“ oder die „Nowaja Gaseta Europa“ – richten sich auch an westliche Zielgruppen und veröffentlichen einzelne Texte auf Englisch. Wie erfolgsversprechend ist das?

Diese Medien sind natürlich auch für westliche Journalisten und Redaktionen eine interessante Informationsquelle, weil es beispielsweise in Belarus keine deutschen Auslandskorrespondenten gibt. Auch in Russland bekommen westliche Korrespondenten oft keine Akkreditierung mehr, die aber Voraussetzung für ihre Arbeit vor Ort ist. Insofern sind die Exilmedien wichtige Partner, wenn es um bestimmte Themen geht. Dabei interessieren lokale Probleme in den russischen Regionen etwa deutsche Leser weniger oder nur, wenn sie in übergreifende Zusammenhänge eingeordnet werden.

Wie finanziert sich der JX Fund?

Beim JX Fund kamen 2022 nach einer ersten Startfinanzierung durch die drei Initiatoren Reporter ohne Grenzen, Rudolf Augstein Stiftung und Schöpflin-Stiftung relativ schnell weitere private Stiftungen, aber auch deutsche Medienhäuser hinzu. Außerdem bekommen wir Geld vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Damit nähern wir uns einer ausgewogenen Mischung aus privaten und öffentlichen Mitteln. Bisher konnte der JX Fund Medien im Exil mit circa zehn Millionen Euro finanziell und strukturell unterstützen. Die neue Bundesregierung arbeitet derzeit am Haushalt 2025/2026. Wir sind vorsichtig optimistisch, dass die Unterstützung von Exiljournalismus darin weiterhin berücksichtigt wird, da diese Medien auch für die Bundesrepublik wichtige Akteure sind, um Desinformation und Propaganda zu bekämpfen.

Nun ist nicht absehbar, wann und ob sich die politische Situation in Russland und Belarus jemals ändert. Wie lange lässt sich eine solche Vielfalt an größeren und kleineren Medien im Exil finanzieren?

Die Finanzierung ist eine Kernfrage. Doch bevor ein Exilmedium daran denken kann, eigene Einnahmequellen zu erschließen, braucht es eine funktionierende Organisationsstruktur. Gleichzeitig zielen viele repressive Maßnahmen in den Herkunftsländern bewusst darauf ab, eine unabhängige Medienarbeit unmöglich zu machen. Leser oder Nutzer werden kriminalisiert, jegliche Form von Abonnement, Spenden oder andere Art von Finanzierung wird unterbunden. Einzelne unabhängige Medien oder Journalisten werden in Russland als „ausländische Agenten“ oder als „extremistisch“ diffamiert, genauso auch in Belarus. Wer solchen Medien Geld spendet, macht sich in den Ländern strafbar. Das erschwert die Arbeit aus dem Exil zusätzlich. Deshalb müssen Redaktionen ständig neue, innovative Wege entwickeln, wie sie sich finanzieren. Wenn man bereits im Heimatland unter schwierigen Bedingungen wirtschaften musste, bringt man unter Umständen eine gewisse Erfahrung mit – einen „trainierten Muskel“, wenn man so will. Klar ist: Ohne Unterstützung geht es zu Beginn kaum.

Aber wie lange kann man unterstützen und wie viele Medien? Hat sich die Spenden- und Förderbereitschaft seit Beginn der russischen Großinvasion 2022 nicht verändert?

Ja, Geld läuft immer von Krise zu Krise. Jetzt wird in Deutschland deutlich mehr Geld in die Verteidigungsausgaben fließen und dadurch möglicherweise woanders fehlen. Auch private Stiftungen prüfen Bedarfslagen ständig neu und passen ihre Förderschwerpunkte an Notlagen an. Damit müssen wir umgehen. Eine unserer Aufgabe ist es zu erklären, warum Mittel benötigt werden und was sie bewirken können.

Die US-Regierung unter Donald Trump hat die Medienförderung durch die staatliche Entwicklungshilfeorganisation USAID stark gekürzt, was auch viele Exilmedien trifft. In einem Dekret Mitte März hat Trump auch massive Kürzungen bei der US-Behörde USAGM verordnet, der die Auslandssender Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL) unterstehen. Dabei spielt Radio Liberty, das als Radio Swoboda auf Russisch sendet und auch einen belarussischen Dienst hat, seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle als verlässliche Informationsquelle in Russland und Belarus. Viele Exiljournalisten haben für diesen Sender gearbeitet, dessen Zukunft nun völlig ungewiss ist. Welche Auswirkungen hat das auf die Exilmedien?

Die Finanzierung durch USAID war bislang ein zentraler Pfeiler für Exilmedien weltweit, auch für die russische und belarussische Medienszene. Es entstehen jetzt massive Finanzierungslücken. Zwar versuchen private Mittelgeber und die EU, das auszugleichen, es ist aber insgesamt viel weniger Geld auf dem Markt. Vielen kleineren Medien droht nun das Aus. Diese Entwicklung war absehbar, aber passiert nun schneller unter starkem finanziellem Druck. Und wo spart man als erstes? Meist trifft es Freiberufler, Verwaltung und Technik – mit gravierenden Folgen. Vor allem letztere gefährdet nicht nur die Effizienz, sondern auch die digitale Sicherheit. Wer an der Verwaltung sparen muss, dem fehlen Kapazitäten, um nachhaltige Einnahmequellen aufzubauen. Das wiederum verstärkt die Abhängigkeit von externer Förderung.

Bei vielen Journalistinnen und Journalisten im Exil ist die Aufenthaltsgenehmigung an ihr Beschäftigungsverhältnis geknüpft. Wenn sie wegen finanzieller Engpässe der Medien ihre Jobs verlieren, wie etwa im Fall von Radio Swoboda, stürzt das einige Kollegen in echte Existenzprobleme.

Gibt es eine langfristige Vision des JX Fund für die russische und belarussische Exilmedienlandschaft?

Der JX Fund versteht sich als Brücke – hin zu einer Selbstständigkeit dieser Medienlandschaft, deren Form stark von politischen Entwicklungen abhängt. Wir werden Medien nicht über Jahrzehnte unterstützen können. Was wir aber versuchen, ist, sie für eine bestimmte Phase in eine noch offene Zukunft hinein zu unterstützen. In dieser Übergangszeit können wir Medien dabei begleiten, tragfähige Strukturen aufzubauen – sowohl bei der Produktion und Verbreitung von Inhalten als auch in Bezug auf nachhaltige Finanzierungsmodelle und vielfältige Einnahmequellen. Am schönsten wäre es, wenn eines Tages alle Journalistinnen und Journalisten dorthin zurückkehren könnten, wo sie leben und arbeiten möchten. Doch selbst nach politischen Umbrüchen können Rückkehrprozesse sehr schwierig sein. Das sehen wir gerade in Syrien, wo bisher noch völlig unklar ist, ob die neuen Machthaber ihre öffentlichen Bekenntnisse zur Pressefreiheit auch wirklich einhalten werden.

 

Das Interview wurde uns mit freundlicher Genehmigung von Ost-West Europäische Perspektiven zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Die Gesamtausgabe rund um das Thema „Exil” finden Sie hier: OWEP 3/2025